Dekoloniale Theorien

Sichtweisen aus dem Süden: Lateinamerikanische Projekte der De(s)kolonisierung von Theorien und Praktiken

Als „Kolonialität der Macht“ bezeichnet der peruanische Soziologe Aníbal Quijano die koloniale Verschränkung von ökonomischen Ausbeutungsformen, rassistischen Klassifizierungen, geschlechtsspezifischen bzw. sexuellen Unterdrückungsverhältnissen und hegemonialen, eurozentrischen epistemischen Konzepten, die mit der Eroberung Amerikas ihren Anfang nahm und die herrschaftsförmige Teilung der Welt in Zentren und Peripherien bis in unsere Gegenwart bestimmt. Das Projekt der lateinamerikanischen Gruppe der Kolonialität/Moderne, zu der Personen wie Aníbal Quijano, Maria Lugones, Enrique Dussel, Walter Mignolo oder Catherine Walsh zählen, richtet sich auf Sichtbarmachung der permanenten Reproduktion dieser kolonialen Verhältnisse, die als „dunkle Unterseite“ den konstitutiven Faktor einer kapitalistischen Moderne bilden. Diese Machtverhältnisse werden durch die imaginäre epistemologische Position eines eurozentrischen, ahistorisierten erkenntnistheoretischen Nullpunkts, von dem aus alle anderen Wissensformen und –praktiken als nachgeordnet betrachtet werden, unsichtbar gemacht. Der dekolonialen Theorie geht es mit dieser Kritik nicht bloß um eine gewandelte Perspektive, sondern um die radikale Transformation wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher gesellschaftlicher Praxis.

In unserem Workshop wollen wir uns im Sinne des dekolonialen Projekts nicht bloß die Frage alternativer theoretischer Perspektiven und Konzepte stellen, sondern vor allem der Forderung der Gruppe Kolonialität/Moderne folgend darüber gemeinsam nachdenken, welchen Beitrag zur Dekolonisierung wir in unseren eigenen Praktiken und in den gesellschaftlichen Formen und Institutionen, in denen diese eingebettet sind, leisten können. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Aufhebung der hegemonialen Position okzidentalen Wissens und die Forcierung indigener, unterdrückter Wissensformen. Dabei kann es nicht bloß um eine Kopie der in den Peripherien existenten Praktiken gehen, sondern um ihre adäquate, strategische „Übersetzung“ in die Verhältnisse der Zentren, die von verschiedenen Autor_innen auf verschiedene Weise konzipiert wird. Den Workshop werden wir dabei durch offene dialogische Formen der Reflexion und den Einsatz multimedialer Kommunikationsmittel aktiv und partizipatorisch gestalten. Diese gemeinsame Reflexion wird durch kurze Interventionen von Absolvent_innen des Masterstudiums der Lateinamerikanistik, die sich in jüngster Zeit in ihren Masterarbeiten mit diesen Problematiken auseinandergesetzt haben, ergänzt.

Jonathan Scalet, Marcela Torres Heredia, Laura Seyfang, Gregor Seidl

 

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